Daß du es sagen darfst


Ich sah dich auf dem Rosa Luxemburg-Platz demonstriern,
war prompt geneigt, dir meine Neugier zu schenken, denn
ich hörte deinen breiten Mund die Worte skandiern:
Freiheit sei auch immer die des Andersdenkenden.

Du wollest dein Leben zurück, so las ich auf deinem Shirt.
Noch mehr erzählten dein Blick mir und die Haartracht.
Mich haben die kaiserlichen Fahnen gestört, 
doch gleichfalls empörten mich die Werkzeuge der Staatsmacht.

Ich spülte die tränenden Augen dir aus
und nahm dich zu mir mit nach Haus.


Da kühlte ich deine blauen Flecken mit Eis am Stiel
und ich frottierte dir scherzend deine Locken.
War's Feuer im Ofen oder knisterte das Vinyl?
Wasserwerfernasse Kleider wurden trocken. 

Du wettertest gegen die Pharmadiktatur,
ich kannte schon aus dem Kremlfunk die Predigt.
Du sagtest, im Mainstream laufe Staatspropaganda pur.
Du wolltest heim; ich sagte: Ach, geh nicht!

Auch ich kenne Argwohn und Zorn nur zu gut
und ich respektier deine Wut.

Mag ich dir auch zigfach contra geben,
ich werde dich halten, wenn du verzagst.
Ich mag verabscheun, was du sagst,
doch gäb ich, daß du es sagen darfst, mein Leben.


Du fandest, Voltaire sei okay, so als Basis,
seither fahr ich mit dir zu jedem Treff deiner Bewegung.
Und weinst du im Dunst aggressiven Tränengases,
weißt du mich ganz nah, auf der Gegenkundgebung.

Doch im Herzen bin ich insgeheim wohl selber Rebell,
auch wenn ich nicht glaub, daß sie mit Impfung uns klonen.
Nachts nennst du mich Schlafschaf und kraulst mir das Fell,
Ausgangssperren brech ich, um dir beizuwohnen.

Doch manchmal kannst du nur das Trennende sehn,
dann fragst du mich: Wie soll das gehn?

Nun, ich werd dir noch zigfach contra geben,
aber ich halt dich, wenn du verzagst.
Ich mag verabscheun, was du sagst,
doch gäb ich, daß du es sagen darfst, mein Leben.



(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, August 2021



Your right to say it


I saw you demonstrating on Rosa Luxemburg Square,
was promptly inclined to give you my curiosity, because
I heard your broad mouth chanting the words:
Freedom is also always the dissenter's freedom.

You wanted your life back, I read on your shirt.
Your gaze and your hair style told me even more.
I was disturbed by the imperial flags, 
but equally disgusted by the tools of state power.

I rinsed out your watery eyes
and took you home with me.


There I cooled your bruises with ice on a stick
And I jokingly terry towelled your curls.
Did the crackle come from the oven or from the vinyl?
Water cannon wet clothes got dry. 

You ranted against the pharma dictatorship,
I had heard the sermon before, on Kremlin radio.
You said that the mainstream was pure state propaganda.
You wanted to go home; I said: Oh, don't go!

I also am all too familiar with suspicion and anger
and I respect your anger.

I may give you umpteen of objections,
but I'll hold you when you despair.
I may detest what you say,
but I would give my life for your right to say it.


You thought Voltaire was okay, as a basis,
Since then I've been with you to every meeting of your movement.
And whenever you cry in a haze of aggressive tear gas,
you'll always find me near, at the counter-rally.

But in my heart I am secretly a rebel myself,
although I doubt that  they clone us with vaccination.
At night, you call me sleep sheep and scratch my fur,
I break curfews to attend you.

But sometimes you can only see what separates us,
Then you ask me: How can this be?

Well, I'll give you umpteen times more contra,
But I'll hold you when you despair.
I may detest what you say,
But I would give my life for your right to say it.



(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, August 2021






Uraufgeführt zum "Geschmacksverstärker" im September 2021, 
Motto: "Tanz die Dissonanz"



                                           




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