Flusswanderung


Folge mir in eine Zeit,
als noch Namenlosigkeit
die ungezähmten Landschaften regierte.
Der nahe Horizont, der war
noch nicht im Flug erweiterbar
und ein Abenteurer, wer kartographierte.

Und dieser Bach, der für uns singt,
wo der mündet und entspringt,
das ist von hier nicht zu erkennen.
Auch so ein kleiner Wasserlauf,
hat es verdient, daß man ihn tauft:
Die Holgach, so will ich ihn nennen.

Komm, wir folgen den Mäandern,
wolln einfach nur stromabwärts wandern
und ergründen, wohin er uns wohl führt.
Und mancher hier im Holgachtal
wird nun durch uns zum ersten Mal
mit dem Namen dieser Gegend konfrontiert.

Seit Tagen schlagen wir uns schon
durch Uferrand-Vegetation,
verscheuchten Reh- und Wildschweinrudel,
haben manch Entenpaar erschreckt,
bis zu den Knien im Sumpf gesteckt
und durchwateten etliche Strudel.

Doch alle paar Mündungen weiter
erscheint die Holgach deutlich breiter.
In Anbetracht des Wasserstand-Niveaus
denk ich im Rucksack an die Axt:
Wie wär's wenn du'n paar Stämme hackst,
und daraus baun wir uns ein Floß?

Und so ein Floß fährt von allein.
Nur etwas achtsam muss man sein,
wenn in der Strömung Felsen lauern:
Wir sollten Hab und Gut vergurten!
Aber Stromschnellen und Furten,
die lassen doch zwei Flößer nicht erschauern!

Ach komm, noch bis zur nächsten Windung!
Schau da, schon wieder eine Mündung!
Dort überm Schilf: Siehst du die Säulen Rauch?
Komm, lass mal sehn, wie sie hier leben!
Ob sie vom Essen uns was geben?
Wer weiß, vielleicht verjagen sie uns auch.

Hast du gesehn, wie baff die waren,
daß wir die Holgach runterfahren?
Sie haben sie noch nicht mal überquert!
Es gäbe wohl den Fluss hinab noch Orte,
doch fehlten dafür Namen und auch Worte,
und hin zu fahrn hätt keiner je begehrt.

Klar kann nicht jeder Pionier sein,
doch was fiel gerade dir und mir ein,
die Fahrt nach unbekannt zu wagen?
Wohnte daheim denn nicht das Glück?
Wofür ließen wir's zurück?
Wohin werden die Strömungen uns tragen?

Hör mal, der Fährmann, wie der spricht.
Den Namen Holgach kennt er nicht.
Der denkt wohl insgeheim: Was wolln denn die da?
Und dieser Fischer, du verstehst'n?
erklärt durch eindrückliche Gesten,
kein Mensch, der abwärts trieb, kehrte je wieder.

Du wirkst seit Stunden so zerstreut.
Denk doch, wie weit in kurzer Zeit
der breite Fluss uns vorwärts trägt!
Willst du wahrhaftig mir erzähln,
daß dich nun Angst und Heimweh quäln,
weil der Rückweg sich verlängert unentwegt?

Was willst du tun? Entscheide frei.
Ich kann nicht mit dir gehn, verzeih!
Doch bring ich dich in wegsames Gelände.
Ein jeder tut das, was er muss:
Du wanderst heim. Doch dieser Fluss
heißt Holgach, und ich fahr ihn bis zum Ende.




(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, Juni 2016



Trip down the River


Follow me to a time
when namelessness
still ruled the untamed landscapes.
The horizon was close
and not yet expandable in flight
and a cartographer was still an adventurer.

And this brook that sings for us,
where it flows into and springs from
cannot be seen from here.
Even such a little watercourse
deserves to be baptized:
The Holgach, thus will I name it.

Come on, let's follow the meanders,
and just walk downstream
and unearth where it will lead us to.
And many here in the Holgach valley
is now, by us, for the first time
confronted with the name of this region.

For days, we have been striking
through river bank vegetation,
scaring away deer and boar packs,
startled many duck pairs,
stuck in the mud up to our knees
and waded through countless swirls.

Though every few junctions further
the Holgach appears plainly wider.
In view of the water level
I'm thinking of the axe in the backpack:
How about chopping some trunks
and building a raft out of them?

And a raft like ours moves by itself.
You just have to carefully watch
for rocks lurking in the currents:
We should strap our belongings!
Though rapids and fords
will not make two raftsmen shiver!

Oh, come on, just as far as the next loop!
Look there, another river junction!
Over there, beyond the reeds: Do you see the piles of smoke?
Come, let's find out how they live here!
Will they share their food with us?
Who knows, perhaps they'll chase us away.

Did you see how gobsmacked they were,
learning that we travel down the Holgach?
They haven't even crossed it yet!
They say, there's settlements downstream,
but had no names or words for them,
and none of them has ever desired to go there.

Sure, not everybody can be a pioneer,
but what came to mind to us of all people,
to venture the trip into the unknown?
Did happiness not room at home?
What did we leave it for?
Where will the currents carry us?

Hear the ferry man, how he speaks.
The name Holgach he doesn't know.
I guess, privily he wonders: What do these two want?
And that fisher man, do you understand him?
he describes with expressing gestures,
no one who went downstream, ever returned.

For hours, you've appeared so sparse.
Just consider how far, in short time
the wide river carries us along!
Do you really want to tell me
that now, fear and homesickness aggrieve you,
because the way back steadily elongates?

What do you want to do? Decide for yourself.
I cannot go with you, forgive me!
Though I'll attend you to accessible fields and meadows.
Each one will do what he must:
You're going home. But this river
is called Holgach, and I'll travel it to the end.





(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, June 2016

 





Geschrieben Ende Juni 2016 für das "Geschmacksverstärker"-Motto "Fluss und Überfluss"



                                           




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