Klassentreffen (Weise)


Freunde, erinnert ihr euch an den Tag,
an dem hier das Mädchen servierte,
das, so daß im Stammcafé jeder erschrak,
uns erstmals mit "Sie" titulierte?

Und wisst ihr noch damals Pascals Kommentar?
Er verkündete ganz ohne Faxen:
"Freunde, die Anrede stellt ja wohl klar:
Von heute an sind wir erwachsen.

Und wartet, das geht jetzt ratzfatz,
da räumt man im Bus uns den Platz!"
Wir lachten – auffallend leise.

Heut sind wir um Jahre gereift,
doch gottlob: Was reif ist, begreift 
ein jeder auf eigene Weise,
auf eigene Weise!


Freunde, der Schreck ist schon lange verjährt:
Heut' siezen wir, eh einer nachdenkt.
Die Gläser sind beinah zur Hälfte geleert –
Und die Kellnerin, ob sie noch nachschenkt?

So trifft man sich wieder, knallbunt dekoriert
mit Erfolgen, mit Titeln und Orden.
Daheim blieb, wer sich für sein Leben geniert,
doch fast jeder ist etwas geworden.

Und jeder am Tische vergleicht
mit dem anderen, was er erreicht
hat; natürlich nur heimlich und leise.

Wisst ihr, was ich mich frag –
und nicht nur am heutigen Tag:
Wann werden wir weise?
Wann werden wir weise?

Freunde, das wäre nur fair, denn
irgendwas muss man doch werden!
Irgendwann auf der Reise
vom Greenhorn zum Greise,
da wird man doch wohl, 
wenn man sonst nichts wird, weise –
oder?

Oder schenkt die Natur
dies uns Menschen nur
ausnahmsweise?

Freunde, wenn ihr mir den Rückblick verzeiht,
gesteh ich, daß ich unsre Väter
um's Jahr '68 ein wenig beneid,
denn wir leben, ach, so viel später.

Lang sind wir älter schon als unsre Eltern
dereinst; hab'n wir je was riskiert?
Und schau ich mir uns und den Rest dieser Welt an,
scheint alles so desorientiert:

Wir einen, wir irr'n kreuz und quer
im Dickicht des Lebens umher,
und jeder haut blind seine Schneise.

Wir andern durchqueren den Wald
auf kartografiertem Asphalt
und ahnen: Wir fahren im Kreise.
Wann werden wir weise?

Freunde, wir seh'n 's heut geschichtlich –
doch machen wir's deshalb auch richtig,
weil wir, die Bequemen,
aus Angst vor Extremen
politisch nie irrten?
Ja, ist oder wird denn
wer lebenslang Fehler vermeidet auch weise?

Begreiflicherweise
sehnt ihr euch nun leise
nach leichteren Themen ...


Nun Freunde, so lasst uns die Fragen
um weit're zehn Jahre vertagen!
Genug von den Dingen:
Lasst lieber was singen, 
anstatt wie die Narren
der Weisheit zu harren!
Verdrückt ist die Speise –
Reicht mir doch mal an der Wand die Gitarre!

Aus der Jugend ein Hit:
Freunde, singt mit!
Erkennt ihr noch hier diese Weise?
Erkennt ihr die Weise?




(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, September 2013



Class Reunion (Wise/ Ways/ Tune)


Fellows
, do you remember the day,
when that girl waitressed here,
who startled everyone in our favourite pub
when first dubbing us with a formal "Sie"?

And do you recall Pascal's comment then?
He declared, quite without shenanigans:
"Fellows, this honorific clarifies:
From this day on, we're adult.

And wait, in a jiffy,
on the bus, we will be offered seats!"
We laughed – remarkably low.

Today, we have matured in years,
but thank God: What is mature
everyone comprehends in his own way,
in his own way!


Fellows, the shock is all over and done with:
Nowadays, we call people "Sie" without thinking.
The glasses are almost emptied half –
Is the waitress still there to refill them?

Here we are again, decorated
with accomplishments, with titles and medals.
Those who feel embarrassed for their lives stayed at home,
but almost everybody has become something.

And each one at our table compares
with another the things he achieved;
only on the QT, of course.

You know, what I wonder –
And not just today:
When will we become wise?
When will we become wise?

Fellows, that would be just fair, for,
after all, one has to become something!
Sometime on the journey
from greenhorn to grey hair,
one will hopefully become wise, 
if one becomes nothing else –
right?

Or does nature give this
to man only
in exceptional cases?

Fellows, if you excuse this flashback,
I confess that I envy our old folks
a little for the year '68,
since we live oh so much later.

Long since we've grown older than our parents 
back then; did we ever risk anything?
And looking at us and the rest of the world,
everything appears to be so disoriented:

Part of us roams around
crisscross through life's thicket,
and each one cuts blindly his swathe.

The others cross the woods
on charted and mapped asphalt
and sense: We're go round in circles.
When will we become wise?

Fellows, we see it in the historical perspective –
but therefore, do we do it properly,
since we, the comfortable ones
who fear any extremes,
politically never went wrong?
Is a lifelong prevention of mistakes
really a proof of being
or a way to become wise?

Understandably,
you are now quietly yearning
for easier topics.


Well, fellows, let's table those questions
for another ten years!
No more of those matters:
Better let us sing,
instead of foolishly
waiting for wisdom!
The food is scarfed –
Will you please pass me the guitar on the wall?

A hit from our days of youth:
Fellows, join in!
Do you recognize this tune?
Do you recognize the tune?




(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, September 2013



 





Begonnen 2010, inspiriert durch eine Einladung zum 20-jährigen Abi-Jubiläum.
Wäre ich hingefahren, wäre mir dieser Versmonolog erspart geblieben!
Beendet September 2013 auf Burg Waldeck









                                           




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