Sandstraße


Vom Fluss nur einen Steinwurf weit weg
hab ich gewohnt, in dem Altbau am Eck
mit zwei Freunden von mir.
Nun bin ich wieder hier
und such das alte Messingschild.

Sie hat es damals mit Pinsel bemalt,
drei gelbe Namen auf blauem Oval.
Doch wer heute hier lebt,
hat's bestimmt überklebt
wie ein Konzertplakat, das nicht mehr gilt.

Im Fachwerk hausen die Erinn'rungen,
teilen die Zimmer mit den ganz Jungen,
die wähnen sich ahnungslos allein.
Fensterläden, die im Wind knarren,
Offne Fenster, die zum Knast starren.
Ein Vorhang, der winkt mich nicht herein.

Ist es nur Vergangenheit,
was man Heimat nennt?
Nichts als ein Moment, 
den man erkennt
hinter einer langen Zeit?



Die Gasse rauf, am Kloster vorbei,
lebt er seit Jahren, stets ein Zimmer frei,
und er fragt, wie's mir geht,
wie's mit der Liebe steht,
und daß er auch mal wieder Single sei.

Weshalb ich mich für Berlin entschied,
wo's mich doch immerzu hier herzieht,
und warum ich nicht bleib,
ich sei den Hype doch leid
und all die Großstadt-Wichtigtuerei.

Und durch den Dampf aus unsern Teetassen
kann ich den Blick nicht von dem Bild lassen,
das Foto zeigt uns froh vereint, uns drei.
Er fragt, ob ich weiß, wie's ihr wohl gehe.
Ich sag, daß ich sie oft im Traum sehe,
und immer wohne sie noch in Sandstraße 2.

Ist es nur Vergangenheit, ...




(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, Februar  2016



F























































(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, Februar  2016

 





1. Strophe von ca. 2006, 2. Strophe ergänzt im September 2013 auf Burg Waldeck.
Inspiriert von Gerry Raffertys "Baker Street" (1977).
Vertont anlässlich des "Geschmacksverstärker"-Mottos "Wo gehören wir hin" (März 2016).

Ein weiterer Anlass der Fertigstellung war sicherlich meine
– sagen wir: philosophische Suche nach Liedern über deutsche Städte, ein Thema, zu dem ich zwischen Juni 2015 und Januar 2016 drei moderierte Podcast-Sendungen produziert habe (Titel: "Deutschlandreise", abrufbar auf "Ein Achtel Lorbeerblatt"). Da wollte ich mir beweisen, daß ich selber ein Lied über eine konkrete Stadt schreiben kann. Wobei die Stadt namentlich zwar unerwähnt bleibt, die Straßenangabe dafür umso eindeutiger ist. Und allen, die den "Knast" nicht poetisch genug finden, sei gesagt: Das Haus Untere Sandstraße 2 steht tatsächlich direkt neben einer Strafvollzugsanstalt.



                                           




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