Zu abgefahr'n (um anzukommen)


Du baust aus einer alten Kiste
und Felgenschrott dir ein Mobil.
Weil's selbst nicht fährt, schiebst du's zur Piste:
Sie erwarten oben dich zum Spiel.

Hätt'st du doch zunächst den Berg erklommen,
doch schön rollt sich's allein ins Tal!
Heut fühlst du dich zum ersten Mal
zu abgefahr'n, um anzukommen.


Durch deine Ohren bohrn sich Zacken,
in deiner Lippe klafft ein Loch.
Dir baumeln Ringe an den Backen –
Ich will nicht wissen, wo wohl noch!

Und durch dein Hemd seh ich verschwommen
die Narben von dem Bronze-Speer.
Der sei entfernt, sagst du, der wär
zu abgefahr'n, um anzukommen.


Als Jungpastor hast du Ideen,
ein Teil davon ist neu und gut,
doch eine wird wohl kaum bestehen:
Wie du verwandelst Wein in Blut.

Das Blut im Kelch, den du den Frommen
nun reichst, spendet die Fleischerei.
Der Bischof rügt, dein Vorgehn sei
zu abgefahr'n, um anzukommen.


Du schriebst bezaubernd schöne Verse,
die hab'n die Welt nicht interessiert.
Drum suchtest du die Kontroverse,
hast neu dein Dichten definiert:

Den Versen hast du Wort für Wort entnommen
und neu sortiert nach Alphabet.
Es klingt, weil's keiner mehr versteht,
zu abgefahr'n, um anzukommen.


"Talent und Willen", denkst du, "hätt ich,
doch leb ich wohl zur falschen Zeit."
Am Marktstand kaufst du einen Rettich
von urwüchsiger Üppigkeit.

Der heischt im Fahrradkorb nach Blicken:
Du kriegst sogar beim Weg nach haus
vom Straßenrand dafür Applaus –
zu unverhofft, dich zu beglücken.



(Holger Saarmann)

© by Holger Saarmann, Juni 2018












Das "Geschmacksverstärker"-Motto im Juni 2018 lautete "Abfahren um anzukommen".



                                           




Home   Holger Who?   Live   News   Programme   Songs   Shop   Presse   Links   Flohmarkt   Kontakt