Abendlied   



Der Mond ist aufgegangen. 

Die gold'nen Sternlein prangen

am Himmel hell und klar.

Der Wald steht schwarz und schweiget. 

Und aus den Wiesen steiget

der weiße Nebel, wunderbar.

Wie ist die Welt so stille, 

und in der Dämm'rung Hülle

so traulich und so hold

als eine Stille Kammer, 

wo ihr des Tages Jammer

verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? 

Er ist nur halb zu sehen

und ist doch rund und schön.

So sind wohl manche Sachen,

die wir getrost belachen,

weil uns're Augen sie nicht seh'n.

Wir stolze Menschenkinder

sind eitel arme Sünder

und wissen gar nicht viel.

Wir spinnen Luftgespinste

und suchen viele Künste

und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, lass uns dein Heil schauen,

auf nichts Vergänglich's trauen,

nicht Eitelkeit uns freu'n.

Lass uns einfältig werden

und vor dir hier auf Erden

wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Wollst endlich sonder Grämen

aus dieser Welt uns nehmen

durch einen sanften Tod;

und wenn du uns genommen,

lass uns in' Himmel kommen,

du unser Herr und unser Gott.

So legt euch denn, ihr Brüder, 

in Gottes Namen nieder –

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon uns, Gott, mit Strafen 

und lass uns ruhig schlafen –

und unsern kranken Nachbar auch.



(M: Johann Abraham Peter Schulz 1790,

 T: Matthias Claudius 1773)



Evening Song



The moon has risen. 

The golden stars shine

in the sky, brightly and clearly.

The woods stand black and silent. 

And magically, from the meadows 

the white mist is rising.

How still is the world 

and, wrapped in dusk,

as intimate and lovely 

as a still chamber

where you can sleep 

while forgetting the day's grief.

Do you see the moon up there? 

You can only see half of it,

all the same, it is round and beautiful.

The same goes for many things

that we laugh at without hesitation,

just because our eyes don't see them.

We proud children of man

are vain poor sinners

who do not know much at all.

We spin gossamers of air

and search for many skills

and further depart from our goal.

God. let us see your salvation,

let us neither trust in any transitory things,

nor enjoy vanity.

Let us become naiv

and here on earth let us be, in your eyes,

devout and happy like children.

Without grief, will you finally please

take us out of this world

by a gentle death;

and when you will have taken us,

let us get to Heaven,

you, our Lord and God.


So then, brothers,

lie down in the name of God

The evening breeze is cold.

Spare us punishment, God, 

and grant us peaceful sleep –

and also to our sick neighbour.




(music: Johann Abraham Peter Schulz 1790,

words: Matthias Claudius 1773)

 





Matthias Claudius war ein progressiver Journalist und ein Dichter mit der Gabe, sowohl lyrisch als auch allgemein verständlich zu dichten. So kam es, daß seine Gedichte gern vertont und noch zu seinen Lebzeiten zu Volksliedern wurden.


Dies ist der vollständige Text, so wie er in jedem deutschen Kirchengesangbuch steht. Auch wenn man wie allgemein und auch bei mir üblich die Strophen 4 bis 6 auslässt, bleibt es ein frommes Lied, aber eins, dem auch ein unfrommer Mensch lyrische Schönheit zugestehen muss.
Meine eigenen Gedanken zu Gestirnen und Vergänglichkeit habe ich in einer "Ode ans Diesseits" formuliert.

Eine schöne singbare (!) Textübertragung ins Englische hat Bertram Kottmann gedichtet. Ihr findet sie (und viele andere traditionelle und klassische Liedtexte) auf der Lied & Song Texts Page.


Aufmerksamkeit verdient Johann A.P. Schulz, der neben "Liedern im Volkston" klassische Orchesterwerke komponierte. Die Melodie des unten folgenden Weihnachtsliedes ist von ihm. Sie gehörte aber eigentlich zu dem Frühlingslied "Der Morgen im Lenze".





Matthias Claudius was a progressive journalist and a poet with the gift to write both lyrical and clear. With the result that this song (among others) already became a folksong within his lifetime.

These are the complete lyrics, as they can be found in any German church hymn book. The stanzas 4, 5 and 6 are (same as on my CD) mostly omitted, but what remains is still a devout song. Anyway, the tune and the lyrics are beautiful. This is the German "Yesterday" of the 18th century.
I expressed my own feelings about stars and vanity in my ode to the fugitive: "Ode ans Diesseits".

A beautiful cantable English translation of this song was created by Bertram Kottmann. You find it (and 17.000 song lyrics more) on the Lied & Song Texts Page (extern link).


Johann A.P. Schulz deserves attention: Apart from "Lieder im Volkston", he also composed classical/ orchestral works. Here is one of the most indestructable German Christmas songs, using a Schulz melody (which he originally composed for the springtime song 
"Der Morgen im Lenze"):


 

Ihr Kinderlein kommet



Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all,
zur Krippe her kommet, in Bethlehems Stall;
und seht, was in dieser hochheiligen Nacht,
der Vater im Himmel für Freude uns macht.

O seht in der Krippe im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl
in reinlichen Windeln das himmlische Kind,
viel schöner und holder, als Engel es sind.

Da liegt es, das Kindlein auf Heu und auf Stroh;
Maria und Josef betrachten es froh;
die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der Engelein Chor.


O beugt wie die Hirten anbetend die Knie,
erhebet die Hände und danket wie sie;
stimmt freudig, ihr Kinder, wer wollt sich nicht freun?,
stimmt freudig zum Jubeln der Engel mit ein!

Was geben wir Kinder, was schenken wir dir,
du bestes und liebstes der Kinder, dafür?
Nichts willst du von Schätzen und Reichtum der Welt,
ein Herz nur voll Demut allein die gefällt.

So nimm unsre Herzen zum Opfer denn hin;
wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn;
und mache sie heilig und selig wie deins,
und mach sie auf ewig mit deinem in eins.



(music: J.A.P. Schulz, 1795 - originally for "Der Morgen im Lenze",

words: Christoph von Schmid)




Der Morgen im Lenze


Wie reizend, wie wonnig ist Alles umher!
Am Hügel wie sonnig, wie schattig am Wehr!
Dort spiegeln sich Erlen im blauen Krystall;
hier wiegen sich Schmerlen im tosenden Fall.

Wie grünet die Aue so lieblich und mild!
Wie pranget im Thaue das Blumengefild!
Schon kleidet die Beere sich würzig in Noth;
schon schwillet die Aehre des Segens zu Brot.

Der Birkenbusch wanket am flüsternden Hain;
die Brombeer' umranket das Felsengestein.
Die Bienen besummen die Matten entlang;
die Frösche verstummen dem Lerchengesang.

Wie wonnig ist Alles! wie Alles so hehr!
das Rauschen des Falles, der Schatten am Wehr! -
All überall bieten sich Freuden uns an,
zu schmücken hienieden die irdische Bahn.


(music: Johann Abraham Peter Schulz/ 
words: Wilhelm Gottlieb Becker)



 

 


                                           




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