Lieder von Karl May



"Mein Bruder Scharlih ist ein großer Krieger und ein weiser Mann im Rat. Meine Seele ist wie die seinige, aber ich werde ihn nicht sehen, wenn ich einst in die Ewigen Jagdgründe komme"

  (Winnetou zu Old Shatterhand, in "Winnetou III")




Ave Maria   



Es will das Licht des Tages scheiden;

es bricht die stille Nacht herein.
Ach, könnte doch des Herzens Leiden 

so wie der Tag vergangen sein!
Ich leg' mein Flehen dir zu Füßen; 

O, trag's empor zu Gottes Thron,
Und lass, Madonna, lass dich grüßen 

mit des Gebetes frommem Ton:
Ave Maria!


Es will das Licht des Glaubens scheiden; 

es bricht des Zweifels Nacht herein.
Das Gottvertrau'n der Jugendzeiten, 

es soll mir abgestohlen sein.
Erhalt', Madonna, mir im Alter 

der Kindheit frohe Zuversicht;
Schütz' meine Harfe, meinen Psalter; 

du bist mein Heil, du bist mein Licht!
Ave Maria!

Es will das Licht des Lebens scheiden; 

es bricht des Todes Nacht herein.
Die Seele will die Schwingen breiten; 

es muss gestorben sein.
Madonna, ach, in deine Hände 

leg' ich mein letztes heißes Fleh'n:
Erbitte mir ein gläubig Ende – 

und dann ein selig Aufersteh'n!
Ave Maria!




(Musik & Text: Karl May, 1883

Gitarrenbearbeitung: Holger Saarmann, Herbst 2004)


Ave Maria



The light of day wants to depart;

Now, the quiet night is falling.

Oh, if only the heart's suffering

could pass just like the day!

I put my plea down at your feet

Oh carry it upwards to God's throne

and, Madonna, be saluted

with a prayer's devout note:

Ave Maria!

The light of faith wants to depart;

Now, the night of doubt is falling.

Youth's trust in God

is to be stolen away from me.

In old age, Madonna, please preserve

me my youth's happy confidence.

Shelter my harp and my psalter,

You are my salvation, you are my light!

Ave Maria! 

The light of life wants to depart;

Now, death's night is falling.

The soul wants to spread its wings

and die I must.

Madonna, into your hands

I put my last, hot plea:

Please request for me a trusting end

and a blissfull rise from the dead!

Ave Maria!




(music & words: Karl May, 1883

adaption for solo vocals & guitar: Holger Saarmann, autumn 2004)





Vergiss mich nicht   



Vergiss mich nicht! Ich steh im dunklen Land.

Führ mich zur Klarheit, Herr, an deiner Hand!

Ich sehne mich nach deinem Licht;

Vergiss mich nicht, oh Herr, vergiss mich nicht!

Vergiss mich nicht! Herr, hör mein Flehen an!

Hinüber schaut mein Aug' nach Kanaan.

Gib mir, was dein Prophet verspricht!

Vergiss mich nicht, oh Herr, vergiss mich nicht!

Vergiss mich nicht! Es winkt mir Zion schon.

Ich seh' den Himmelglanz um deinen Thron.

Wenn drob mein Aug' im Tode bricht,

Vergiss mich nicht, oh Herr, vergiss mich nicht!




(Musik & Text: Karl May, Weihnachten 1897

Gitarrenbearbeitung: Holger Saarmann, Herbst 2004)


Forget me not



Forget me not! I am standing in the dark country.

At your hand, Lord, lead me to clarity! 

I long for your light;

Forget me not, oh Lord, forget me not!

Forget me not! Lord, listen to my plea!

My eye looks over to Canaan.

Give me what your prophet promises!

Forget me not, oh Lord, forget me not!

Forget me not! Zion already beckons me.

I see the sky gleam around your throne.

If, thus, in death my eye will break,

Forget me not, oh Lord, forget me not!





(
music & words: Karl May, christmas 1897

adaption for solo vocals & guitar: Holger Saarmann, autumn 2004)




>> CD "Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen"


... Ja, hat er!

Karl May (1842-1912) hat nicht nur über 70 Romane (inklusive Kurzprosa-Sammlungen) geschrieben, sondern
vor allem in seiner Jugend auch Chormusik komponiert. 

Geboren und aufgewachsen in Ernstthal (Sachsen), blind bis zu seinem fünften Lebensjahr, erhielt er aufgrund seiner offenkundigen Begabung schon als junger Schüler vom befreundeten Kantor Unterricht in Gesang, Klavier, Orgel, Geige und Harmonielehre.

Als Lehramts-Anwärter konnte May seine musikalische Ausbildung in Waldenburg und Plauen vertiefen. Er spielte Gitarre und unterrichtete Klavier; wegen eines Techtelmechtels mit einer Klavierschülerin, der Ehefrau seines Vermieters, musste er 1861 Glauchau verlassen, wo er als Hilfslehrer angestellt war. Der vermeintliche Diebstahl einer Taschenuhr erbrachte May die erste von mehreren Haftstrafen. Damit galt er als untauglich für den Lehrberuf ... Was für ein Segen für die deutsche Trivialliteratur (und für Generationen von Schülern, die unter der Fuchtel wahrhaft untauglicher Lehrer wenigstens in Karl Mays Romanwelt ihre Fantasie schulen konnten)!

Zunächst aber, 1864, wurde Karl May Leiter des (Männer-)Gesangsvereins Lyra zu Ernstthal, für den er ein gutes Dutzend Werke komponierte: Lieder im Stile Friedrich Silchers, Motetten, eine Weihnachtskantate; Gedichtvertonungen und eigene Texte, meist von jenem spätromantischen Pathos, der selbst in musikalischer Verpackung heute nur noch schwer zu ertragen ist. (Gelegentlich zitierte er später die Texte seiner musikalischen Werke in seinen Romanen und Erzählungen.)

Zwei weitere Haftstrafen von insgesamt mehr als sieben Jahren nutzte May zur musikalischen Weiterbildung, u.a. als Leiter des Gefängnis-Bläserkorps in Zwickau (1865-68) und als Organist für die katholische Gefängniskirche in Waldheim (1870-74). Dazu May:

"
Wie arm müssen doch die Menschen innerlich sein, welche behaupten, daß ich katholisiere! ... Ich habe der katholischen Kirche für die hochsinnige Gastfreundlichkeit, die sie mir, dem Protestanten, vier Jahre lang erwies, durch ein einziges Ave Maria gedankt, das ich für meinen Winnetou dichtete." 

(in "Mein Leben und Streben", 1905)

Wer Winnetou nur in Gestalt von Pierre Briece kennt, der ahnt wohl nicht, daß der Häuptling der Apachen als Christ starb, bekehrt von Old Shatterhand, dem fiktiven alter ego Karl "Schar-lih" Mays. Nicht das Münchner Rundfunk-Orchester unter der Leitung Martin Böttchers wiegte Winnetou in den ewigen Schlaf! Vielmehr waren es die braven Settlers aus Helldorf, Wyoming, die dem Todgeweihten mit Karl Mays "Ave Maria" das Tor zur Auferstehung wiesen!

Diese Episode (auf dieser Website kann man sie online lesen) erschien zunächst als Kurzgeschichte "Im Wilden Westen Nordamerikas" in der Zeitschrift "Feierstunde im häuslichen Kreise" (Köln 1883). Zehn Jahre später arbeitete May sie in "Winnetou III" ein. Als Lied gedruckt (für vier Männerstimmen) erschien "Ave Maria" erst im Juni 1897 in der katholischen Familienzeitschrift "Deutscher Hausschatz". Zu Weihnachten desselben Jahres komponierte May "Vergiss mich nicht" für gemischten Chor. Ein spätromantisches Werk, das aber, wie meine Aufnahme zeigt, nur einige Trommelschläge von "High Noon" entfernt ist.

Mein Gitarrensatz für "Ave Maria" orientiert sich an der Version für gemischten Chor (gedruckt erstmals 1898 in der Mappe "Ernste Klänge"). 

Naja, und an Johnny Cash.
Noten der originalen Chorsätze sind online hier in der IMSLP Petrucci-Musikbibliothek (gemein-)frei als Download (PDF) erhältlich.

Mein Interesse an Mays Liedern erklärt sich durch ein Lied- und Literaturprogramm, das ich seit Juni 2005 zusammen mit der Berliner Geigerin Vivien Zeller präsentiere: 

"Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen"



Ähnlich wie Karl May werde ich es wohl erst im reiferen Alter schaffen, das besungene Land mit eigenen Füßen zu betreten.
Daß es in Sachsen viel spannender sein kann als im Wilden Westen, deuten die knappen Einblicke in Mays Leben schon an.
Im Mai 2005 textete ich für das Wildwest-Programm eine Ballade, die sich ganz dem faszinierenden Vorleben des großen Volksschriftstellers widmet:

Die Ballade des armen Webersohnes Karl May



Dem Bamberger Karl-May-Verlag sei Dank gibt es seit einigen Jahren eine brauchbare Sammlung von Mays Kompositionen:
Hartmut Kühne & Christoph F. Lorenz: Karl May und die Musik. Bamberg 1999.

Das Konzept des Buches wirkt allerdings etwas gestreckt und halbgar, denn es versammelt neben den sauber gedruckten, ausführlich kommentierten Originalkompositionen auch eine Auswahl von May-Vertonungen anderer (meist unbekannter) Komponisten, darüber hinaus einige alte Schlager (und eine tabellarische Auflistung Dutzender weiterer Titel), in denen Karl May oder seine Figuren besungen oder nur erwähnt werden. Dazu eine Reihe nicht allzu kritischer Essays, etwa über Martin Böttchers Filmmusiken. Die beigelegte CD, die wohl den happigen Preis von 40 Euro rechtfertigen soll, enthält denn auch, neben einem Böttcher-Medley (OHNE Winnetou-Melodie!), einigen Firlefanz. Von den 16 abgedruckten Kompositionen Karl Mays sind jedoch nur sieben als Hörbeispiel enthalten.

Genaue biographische Kenntnisse von Karl May werden vorausgesetzt, trotz eines langen Kapitels über die "Biographie eines Nichtmusikers". Eine tabellarische Übersicht über sein Leben, etwa so, wie ihn die Karl-May-Stiftung auf ihrer Website präsentiert, wäre eine sinnvolle Ergänzung.



 



Not Goethe, but Karl May (1842-1912) may be the most German phenomenon in German literature. He wrote more than 70 (mostly serialized) novels, and regardless of age, it will be hard to find a German who is not familiar with some of May's characters, such as Winnetou, Old Shatterhand, Sam Hawkins, Kara Ben Nemsi and Hadschi Halef Omar. And those who didnot read any of his Wild West or Oriental adventure novels in their youth have probably seen some movie adaptation from the sixties. As for Germany, Karl May is THE classic of trivial youth literature.

English translations of his works seem mostly unknown, but it amused me to learn that the youth of Estonia also grew up developping their fantasy with Karl May's "travel reports". 

The (first person) narrator of his Wild West novels is mostly a German adventure tourist with nearly superhuman capacities and Christian sentiments named "Charly"(!). His reputation - "Old Shatterhand" - echoes throughout the Wild West. The young Apachean chief Winnetou is his blood-brother. The novel triology "Winnetou" highlights the progress of an idealistic, warmhearted friendship, starting with the first meeting as deadly enemies (because the "greenhorn" Charly came to the States as a railroad builder), ending sadly with Winnetou's violent death in Volume III.

One chapter before being shot, Winnetou first considers to conver to Christianity. This is emotionally forced by a German settlers’ choir, singing "Ave Maria" (the lyrics on top), a choral written and composed by Charly aka Karl May. And this fact even surprises most Germans (although it has never been a secret):

Karl May also was a passionate musician who started composing years before he turned to professional writing.

Born in Ernstthal (Saxony), blind until he was five, his musical talent soon became obvious, and so he got singing, piano, organ, violin and theory lessons from the precentor, living in the house next door.

He decided to become a teacher and thus was able to continue his musical studies at college. He even developed his skills when he was sent to jail, pretendedly having stolen his room-mate's watch. Thanks to this, he was considered unworthy to work as a teacher again. Instead, in 1864, he became leader of his hometown's men's singing club "Gesangsverein Lyra" and started composing choir works for them, immitating the popular style of Friedrich Silcher. His lyrics are characterized by the kind of late Romantic pathos, which is (even when wrapped in music) hard to bear for nowaday's ears and minds.

In "Winnetou III", the choral "Ave Maria" (which was really composed to appear in the novel) is being sung a second time, following the dying Winnetou's last wish. Him and Charly are holding hands, and when the song is dying away, the Indian is whispering with his last breath: "Charly, I believe in the Saviour. Winnetou is a Christian. Farewell!" (Here's an external link to read the episode online - in German only.)

This episode was first written as a short story, titled
"Im Wilden Westen Nordamerikas" in the journal "Feierstunde im häuslichen Kreise" (Cologne 1883). Ten years later, it was worked into "Winnetou III". Printed as a song (for four male voices), "Ave Maria" was not published before June 1897 in the catholic family journal "Deutscher Hausschatz". At Christmas of the same year, May composed "Vergiss mich nicht" for mixed choir. 
Both choir pieces
as PDF sheet music can be downloaded online here at IMSLP Petrucci Music Library.

My guitar adaptation of "Ave Maria" follows a version for mixed choir (first printed in 1898 in "Ernste Klänge")

Both the writing and the composition work of Karl May are the backbone and skeleton to my folk music show

Lieder, so deutsch wie der Wilde Westen"

(English title:
"How the West was Dutched")

featuring Vivien Zeller on Violin!


Comparable to Karl May, I may not manage to step onto the land I sing about with my own feet, before I am old.




                                           




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